Wissenswertes über Todesanzeigen

 

 

 

 

Die Anschrift  auf der Todesanzeige des gerade gestorbenen Menschen stellt eine wichtige soziale lebensgeschichtliche Komponente dar. In Großstädten erscheint aus der Sorge vor einem Einbruch und Diebstahl während der Bestattungszeit die Anschrift des Trauerhauses in der Todesanzeige nicht mehr. Dieser Brauch schränkt die wünschenswerte Wiedererkennbarkeit des Toten aufgrund seiner Todesanzeige erheblich ein und leitet durch den Ortsverlust ein Vergessen ein. Man bekommt den Todesfall nicht mehr so mit, weil die Todesanzeige nicht eindeutig auszumachen ist. Die Traueranschrift dient wesentlich der Identifizierung dessen, der da gestorben ist, der dann und dort gelebt hat. Die Todesanzeige dokumentiert zugleich in der Anschrift mit dem Wohn – und Lebensort des Stadtteils, der Stadt die soziale bzw. gesellschaftliche Schicht, die Zugehörigkeit, mit der Anschrift eines Altersheimes, einer Seniorenresidenz deren Verweildauer, nicht selten ein soziales Gefälle, das eingetreten ist. Mit dem zunehmenden Funktionsverlust der Anschrift des Trauerhauses geht auch eine veränderte Kondolenzpraxis einher. Abgesehen vom sozialen Umfeld der Familie, den engen Freunden und guten Nachbarn, haben die bloße Unterschrift auf die vorgedruckte Kondolenzkarte, der Eintrag des eigenen Namens in die von dem Bestattungsinstituts ausgelegte Kondolenzliste, den persönlichen Kondolenzbesuch längst abgelöst.

Namentliche Hervorhebung der Todesanzeige

Innerhalb der privaten Todesanzeigen ist an hervorgehobenen Stellen der Vorname bzw. sind die Vornamen mitunter noch der Rufname, Kurzname, der Kosename sowie der Nachname als Familien oder Eigennamen zu lesen. Die namentliche Hervorhebungen in den Todesanzeigen stehen in den Anzeigen für das ganze gelebte Leben und seinen Tod. Der Name bedeutet Anrede und Ruf. Der Name in der Todesanzeige meint den Leib des Menschen. Der Mensch wird in ganz besonderer Weise am Anfang seines Lebens wie am Ende seines Lebens bei seinem Namen gerufen. Deswegen entsprechen innerhalb der christlichen Tradition liturgisch das Taufritual und das Bestattungsritual einander. Der Mensch vegetiert nicht einfach sprachlos wie eine Pflanze oder wortlos wie ein Tier, sondern verwirklicht sprechend und hörend seine Existenz. Das lateinische Verb exsisto bedeutet heraustreten, hervorkommen, auftreten, erscheinen, ins Leben treten. Der Mensch erwacht erst durch die Anrede, durch den Anruf des Du. Durch das Hören seines Namens gelangt er vom bloßen Dasein zum Leben, weshalb der Name in der Todesanzeige hervorgehoben werden sollte. Dadurch gewinnt der Mensch seine ursprüngliche Dimension in der Kommunikation, die ihm immer bereits vorgegeben ist, wenn er ins Leben tritt. Von diesem Du des Leibes her, erschließt sich zuerst das Es der ergreifenden Hände und des begreifenden Geistes und dann endlich das Ich im Ausdruck seiner Seele. Der Mensch gewinnt das eigentliche Leben, das in seiner Lebensgeschichte die Persönlichkeit ausmacht, also erst von dem angesprochenen Du seiner Wirklichkeit über das Es seiner Erkenntnis bis zum Ich seines Selbstverständnisses und das Du des verstorbenen Menschen sollte in der Todesanzeige besonder hervorgehoben werden.

Der Geburtstag auf der Todesanzeige

In der Todesanzeigenpraxis ist heute gegenüber dem früher Selbstverständlichen weitgehend das ursprüngliche Selbstverständnis verloren gegangen, das die Lebensstimmigkeit von Geburt und Tod betrifft: Der Geburtstag wird an einem bestimmten Tag in einem bestimmten Monat begangen. Die Menschen, denen man wichtig ist und die einem zum wiederkehrenden Tag der Geburt gratulieren, merken sich mit dem Datum im Kalender den Wochentag und Monatsnamen innerhalb des Jahres, ob dieser nun in der Todesanzeige steht oder nicht. Auch im Falle des Todes würden sie sich entsprechend erinnern. Der Monat der Geburt mit den begangenen Festen und der Monat des Todes mit dem zu begehenden Gedenken sind gleichsam Sinnverwandte des Lebens in der Folge der Generationen. Die bloß numerischen Angaben in der Todesanzeige der Geburts – und Todesdaten dagegen reduzieren unmerklich, doch nachhaltig das Menschenbild in den Todesanzeigen. Bereits auf den Todesanzeigen Vordrucken der Ämter, Behörden und Institutionen werden Menschen ausgiebig datiert und funktional verwaltet. Es erscheint uns deshalb gedankenlos und lieblos, in einer Todesanzeige ein menschliches Leben derartig auf die Anfangs – und Enddaten hin zu reduzieren. Die Geburt eines Menschen, sein Leben und sein Sterben, selbst noch die Trauer über seinen Tod beanspruchen wegen seiner Wiedererkennbarkeit so etwas wie das Gedächtnis des gelebten Lebens, das ist es was in einer Todesanzeige stehen sollte. Der Wochentag des Sterbedatums, welches in der Todesanzeige stehen sollte, ist durch das Datum der Zeitungsausgabe jederzeit leicht festzustellen.

Die Beheimatung des Grabes

Die Ortsangaben der Geburt und des Todes in der Todesanzeige spiegeln die Geschichte der Familie und das ihr anhaftende Brauchtum in der Herkunft wider. Vergangenen Generationen ist es sehr wichtig gewesen, zu Hause, im Elternhaus, geboren worden zu sein und auch sterben zu können. Im eigenen Hause, im Elternhaus, nicht in der Fremde. Haus und Heimat sind Synonyme für das Leben schlechthin. Der einst in Tübingen lehrende marxistische Philosoph Ernst Bloch, der ein radikaler Utopist – Utopia ist Land, das nirgends ist – gewesen ist, bekannte sich für alle überraschend im hohen Alter zur Vorstellung einer notwendigen Heimat, die der Mensch brauchte. Das alte deutsche Wort für Fremde heißt Elend, was soviel wie Ausland bedeutet. Und das mittelalterliche Stoßgebet weist auf diesen Hintergrund der Beheimatung des Sterbens und des Grabes hin: „Herr, bewahre mich vor einem schnellen, bösen Tod.“ Heute hat sich das Gebet in die Bitte seines Gegenteils verkehrt. Für die Menschen, die durch die beiden Weltkriege zu Tode gekommen sind oder vertrieben wurden, haben der Geburtsort und der Sterbeort in der Aussage der privaten Todesanzeige einen hohen Stellenwert gehabt. Der Nobelpreisträger für Literatur Günter Grass spricht sogar davon, dass die Trauer unbedingt immer ihren Ort braucht.